"Weihnachtszauber"
Eine Geschichte von Sophie Pohl
Es war ein kalter Nachmittag im Dezember und Lucy drückte ihre Nase an die Fensterscheibe. Draußen wirbelten Schneeflocken durch die Luft und die Häuser im Dorf leuchteten schon bunt. Überall hingen Sterne, Lichterketten und Tannenzweige. Doch in Lucys Herzen fühlte es sich ein kleines bisschen leer an. „Warum freue ich mich dieses Jahr gar nicht so sehr auf die Geschenke?",fragte sie sich leise. Ihre Mama kam mit zwei Tassen Kakao ins Wohnzimmer. „Du bist ja ganz still heute, Lucy“, sagte sie und setzte sich zu ihr. „Ist alles in Ordnung?“ Lucy zuckte mit den Schultern. „Alle reden nur über Geschenke, Mama. Was sie sich wünschen, was sie kaufen. Aber irgendwie… fühlt sich das komisch an.“ Mama lächelte. „Weißt du was? Manchmal muss man ein kleines Abenteuer erleben, um zu verstehen, worum es an Weihnachten wirklich geht.“ Lucy riss die Augen auf. „Ein Abenteuer? Heute? An Heiligabend?“ Mama nickte. „Geh doch mal eine Runde raus. Und hör gut zu, was dir die Welt erzählt.“ Lucy zog ihre rote Mütze, ihren Schal und ihre dicken Stiefel an und trat hinaus in den Schnee. Jeder Schritt machte ein leises Knirschen. Im ersten Haus, an dem sie vorbeikam, sah sie durch das Fenster einen Jungen, der wütend sein Geschenk schüttelte. „Schon wieder keine Spielekonsole“, schimpfte er. Neben ihm sah seine kleine Schwester traurig aus, weil sie sich nicht traute, etwas zu sagen. Lucy seufzte und ging weiter. Vor der Bäckerei stand Frau Meier, eine alte Dame aus dem Dorf. Sie trug zwei schwere Tüten mit Brötchen und Kuchen. „Oh je, sind die schwer“, murmelte sie. Lucy lief sofort zu ihr. „Ich helfe Ihnen, Frau Meier“, sagte sie und nahm ihr eine Tüte ab. Frau Meier lächelte dankbar. „Das ist aber lieb von dir, Lucy. Weißt du, ich feiere heute ganz allein. Aber wenn ich ans Weihnachtslicht denke, bin ich trotzdem nicht traurig.“„Was meinen Sie mit Weihnachtslicht?“, fragte Lucy neugierig.„Das Licht, das in unseren Herzen angeht, wenn wir füreinander da sind“, erklärte Frau Meier. Als Lucy die Tüte in Frau Meiers Wohnung abgestellt hatte, fiel ihr Blick auf ein kleines Bild: ein Stall, ein Baby in einer Krippe, Menschen und Tiere drum herum. „Wer ist das Baby?“, fragte Lucy. „Das ist das Jesuskind“, sagte Frau Meier. „Seine Geburt feiern wir an Weihnachten. Es erinnert uns daran, dass Liebe und Hoffnung in die Welt gekommen sind.“ Lucy dachte lange darüber nach, als sie wieder durch den Schnee stapfte. „Liebe, Hoffnung, Herzlicht“, murmelte sie. „Aber was hat das mit mir zu tun?“ Der Himmel wurde langsam dunkler, und die Sterne tauchten auf. Lucy war schon fast am Waldrand, als sie etwas Merkwürdiges sah: Zwischenden Bäumen schimmerte ein warmes Licht. Vorsichtig ging sie näher. Dort stand eine kleine Hütte, die sie noch nie zuvor bemerkt hatte. Aus dem Schornstein stieg Rauch und aus dem Fenster fiel ein goldenes Glühen. Mit klopfendem Herzen klopfte Lucy an die Tür. „Herein“, rief eine tiefe, freundliche Stimme. Drinnen war es warm und gemütlich. Überall lagen Spielzeug, bunte Stoffe, Schleifen und Holztierchen. Ein alter Mann mit langem, grauem Bart und rotem Mantel saß an einem Tisch und betrachtete einen leeren Sack. Seine Schultern hingen müde herunter. „Entschuldigung“, begann Lucy schüchtern. „Sind… sind Sie der Weihnachtsmann?“ Der Mann sah auf und seine Augen glänzten freundlich. „Ja, Lucy, das bin ich. Ich kenne dich. Du hast Frau Meier mit ihren Tüten geholfen.“Lucy staunte. „Aber warum sind Sie hier und nicht unterwegs mit dem Schlitten? Die Kinder warten doch auf ihre Geschenke!“Der Weihnachtsmann seufzte leise. „Weißt du, in diesem Jahr ist mein Sack nicht das Problem. Er ist voll bis oben hin. Das Problem ist, dass viele Herzen leer sind. Die Menschen sind so beschäftigt mit Wünschen, dass sie vergessen, wofür Weihnachteneigentlich da ist.“ Lucy setzte sich zu ihm an den Tisch. „Ich glaube, ich verstehe ein bisschen, was Sie meinen. Ich habe mich auch komisch gefühlt. Als ob etwas Wichtiges fehlt.“ Der Weihnachtsmann nickte. „Weihnachten ist nicht nur das Fest der Geschenke. Es ist das Fest der Liebe. Es erinnert die Menschen daran, füreinander da zu sein, sich zu verzeihen und niemanden allein zu lassen. Aber dieses Jahr scheinen das fast alle vergessen zu haben.“ Lucy überlegte. „Aber wenn die Menschen das vergessen haben… gibt es dann gar kein richtiges Weihnachten mehr?“ Der Weihnachtsmann lächelte sanft. „Das Weihnachtswunder braucht Helfer. Vielleicht braucht es dieses Jahr eine ganz besondere Weihnachtselfe. Was meinst du, Lucy? Möchtest du mir helfen?“ Lucy sprang auf. „Ja! Aber… ich bin doch kein Elf.“„Du hast heute bereits gezeigt, dass du ein großes Herz hast“, sagte der Weihnachtsmann. „Das ist viel wichtiger als Zipfelmützen und Spitzohren.“ Er holte eine kleine Laterne aus einem Regal. Innen brannte ein winziges, aber sehr helles Licht. „Das ist die Weihnachtslicht-Laterne“, erklärte er. „Sie zeigt dir, wo Menschen ein bisschen Wärme und Liebe brauchen. Du musst nur genau hinschauen und hinhören.“ Lucy nahm die Laterne vorsichtig in die Hände. „Und was ist mit Ihnen? Fliegen Sie heute gar nicht?“ Der Weihnachtsmann sah sie geheimnisvoll an. „Vielleicht fliege ich. Vielleicht auch nicht. Manchmal sind die unsichtbaren Geschenke die wichtigsten.“ Lucy wollte noch etwas fragen, doch der Weihnachtsmann stand auf, öffnete die Tür und deutete nach draußen. „Geh, kleine Helferin. Weihnachten wartet auf dich.“ Draußen war es inzwischen dunkel geworden und die Sterne funkelten wie Diamanten. Die Laterne in Lucys Hand leuchtete besonders hell, als sie zurück ins Dorf ging. Vor einem Haus blieb sie stehen. Innen hörte sie Streit. Ein Mädchen rief: „Das ist mein Spielzeug! Du nimmst immer alles!“ Ein Junge schrie: „Du bist so gemein!“ Lucy klopfte an die Tür. Die Mutter öffnete, überrascht über den Besuch. „Hallo“, sagte Lucy höflich. „Ich habe eine Weihnachtslicht-Laterne. Darf ich euch etwas erzählen?“ Die Mutter ließ sie herein. Lucy setzte sich mit den Kindern auf den Teppich. „Wisst ihr“, begann sie, „heute habe ich eine alte Dame gesehen, die ganz allein Weihnachten feiert. Und einen Weihnachtsmann, der traurig ist, weil die Menschen vergessen haben, dass Weihnachten ein Fest der Liebe ist. Ihr habt euch gerade gestritten, weil ihr euch um ein Spielzeug streitet. Aber vielleicht könntet ihr heute Abend versuchen, etwas anderes zu verschenken: ein Lächeln, eine Umarmung oder Zeit miteinander.“ Die Kinder schauten sie an. Der Junge senkte den Blick. „Ich wollte das Spielzeug gar nicht so unbedingt“, murmelte er. „Ich bin nur wütend geworden.“ Das Mädchen schniefte. „Ich will nicht, dass wir uns streiten.“ Lucy lächelte. „Vielleicht könnt ihr heute zusammen spielen. Das wäre bestimmt ein Geschenk, über das sich euer Herz freut.“ Die Mutter nickte gerührt. „Danke, Lucy. Du hast uns gerade ein richtiges Weihnachtsgeschenk gemacht.“ Als Lucy das Haus verließ, schien die Laterne noch heller zu leuchten. Sie besuchte noch mehrere Häuser: Bei einer Familie brachte sie alle dazu, gemeinsam zu singen, statt jeder für sich am Handy zu sitzen. Bei einem kranken alten Mann setzte sie sich ans Bett und hörte ihm zu, wie er von früheren Weihnachten erzählte. Bei einem schüchternen Mädchen schlug sie vor, selbst Plätzchen zu backen und sie den Nachbarn zu bringen. Überall, wo Lucy hinging, wurde es ein bisschen heller – nicht nur durch die Laterne, sondern in den Herzen der Menschen. Spät am Abend, als der Mond hoch am Himmel stand, kehrte Lucy auf den Dorfplatz zurück. Dort hatten sich die Dorfbewohner versammelt. Jemand hatte vorgeschlagen, dass jeder, der konnte, etwas mitbringt: Suppe, Kekse, Tee, Decken, Kerzen. Die Menschen lachten, redeten miteinander und teilten ihr Essen. Die Kinder spielten gemeinsam im Schnee, und niemand redete mehr nur von Geschenken. Lucy stellte ihre Laterne in die Mitte des Platzes. „Schaut mal“, sagte sie, „heute haben wir uns alle gegenseitig beschenkt, ohne Papier und Schleifen. Das ist doch auchWeihnachten, oder?“ In diesem Moment hörte sie ein leises Klingeln, als würde ein Schlitten durch die Luft gleiten. Lucy schaute nach oben. Für einen Augenblick meinte sie, am Himmel eine Silhouette zu sehen: einen Schlitten, gezogen von Rentieren, mit einem Mann im roten Mantel darauf. Sie blinzelte, und die Gestalt war verschwunden. Als sie sich wieder umsah, lag am Rand des Platzes eine rote Mütze im Schnee. Lucy hob sie auf und spürte ein warmes Kribbeln im Bauch. Sie setzte die Mütze auf und sah in die lächelnden Gesichter der Menschen. Da verstand sie.Der Weihnachtsmann war nicht einfach verschwunden – er hatte seinen Platz in vielen Herzen gefunden. Ein kleines Stück von ihm lebte nun auch in Lucy, in Frau Meier, in den Kindern, die sich versöhnten, und in allen, die an diesem Abend Liebe geteilt hatten.






